WM-Express entgleist kurz vor dem Ziel / NWZ / 20.06.2005
HANDBALL Deutschlands Frauen geben in Oldenburg beim 31:25 gegen Polen WM-Ticket noch aus Hand
Heike Schmidt nahm einen tränenreichen Abschied. 2200 Zuschauer in der neuen EWE-Arena feuerten die deutsche Mannschaft an.
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| Heike Schmidt mit DHB-Präsident Ulrich Strombach und Reiner Witte (Vizepräsident, rechts) |
OLDENBURG - Zyfryd Kuchta zählt zu den besten Handballtrainern seines Landes. Ja, der 61-Jährige ist vielleicht der erfolgreichste Polens. Sein Markenzeichen: Selbst in schwierigster Lage sitzt Kuchta wie angewurzelt auf der Trainerbank. Sein Motto: Nur die Ruhe bewahren.
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| Armin Emrich (links) und Zyfryd Kuchta (ganz rechts) im Interview |
Am Sonnabend in Oldenburg kam der hoch aufgeschossene Mann allerdings mächtig ins Schleudern. "Als die deutsche Mannschaft mit zwölf Toren davonzog, habe ich in dieser wunderschönen Halle schon einmal den Treppenabgang zur Hölle gesucht", beschrieb Kuchta seine Gefühlslage zwischen der 43. und 47. Minute. Mit 25:13 und 28:16 führte da die begeistert aufspielende deutsche Handball-Nationalmannschaft, die 30:40-Pleite aus dem Hinspiel der WM-Qualifikation in Polen schien gegessen – und doch nahm Kuchta am Ende die Treppe hinauf in den siebten Himmel. Denn nach der Schmach von Kielce sechs Tage zuvor reichte der deutsche 31:25-Erfolg in der Endabrechnung nicht für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in St. Petersburg (5. bis 18. Dezember).
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| Nina Wörz ist ratlos. |
"Wir waren ganz nah dran am Wunder von Oldenburg. Es sollte nicht sein. Das ist bitter", meinte die scheidende Spielführerin Heike Schmidt und schluckte dabei schwer. Ratlose Gesichter voller Tränen auch bei ihren Mitspielerinnen. "Das Spiel hat zehn Minuten zu lange gedauert", trauerte Stefanie Melbeck (Buxtehude) der vergebenen WM-Chance hinterher.
Aggressiv nach vorne und wie aus einem Guss lief der deutsche WM-Express, von 2200 Zuschauern frenetisch angefeuert, auf Hochtouren, spulte stramm und unwiderstehlich sein Pensum herunter und sah den Zielbahnhof St. Petersburg schon vor Augen, als am Sonnabend kurz nach 17 Uhr das Unfassbare passierte. 53 von 60 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt in der neuen EWE-Arena gespielt. Das Team von Bundestrainer Armin Emrich führte mit 30:20 gegen die Polinnen, als der scheinbar unaufhaltsam Richtung WM rasende Deutschland-Express aus den Gleisen sprang. Der Gegner war zur Stelle und schnappte sich das WM-Ticket.
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| Dorota Malczewska konnte für Polen in der 2. Halbzeit für mehr Druck aus dem Rückraum sorgen | | | | |
"Wir haben in der ersten Halbzeit fast ein Feuerwerk abgebrannt. Das Energiepotenzial, das wir dabei verbrannt haben, hat uns hinten heraus vielleicht gefehlt", kommentierte ein niedergeschlagener Armin Emrich die furiose und packende deutsche Aufholjagd im Oldenburger Hexenkessel.
Anders als beim Hinspiel in Polen präsentierte sich sein Team von der ersten Sekunde an hellwach, spielte den Gegner buchstäblich an die Wand. Schnell waren die zehn Tore Rückstand von Kielce egalisiert. Schon zur Pause beim 18:8 waren Deutschlands Frauen wieder im WM-Rennen. Die Vorgabe Emrichs "Heute nageln wir den Pudding an die Wand" wurde konsequent umgesetzt, das Wunder von Oldenburg nahm Gestalt an – bis zur besagten 53. Minute.
Der schon geschlagene Gegner nutzte ein kurzes Stocken in der deutschen Vorwärtsbewegung, um am gegnerischen Vorsprung zu knabbern. Die zuvor so souverän und kompakt auftrumpfenden Deutschen verkrampften, vergaßen ihr Spielsystem, rannten sich fest und verzettelten sich in Einzelaktionen. 12, 11, 10, 9, 8, 7 – der Vorsprung war dahin. Nun rächte sich auch das Verwerfen von vier Siebenmetern.
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| Magdalena Chemicz im Tor der Polinnen. |
Das plötzliche Herunterzählen des Ergebnisses und das Weglaufen der Zeit auf der Anzeigetafel warfen Heike Schmidt und Co. völlig aus der Bahn. Die Spielführerin vom VfL Oldenburg, die ihr 168. und letztes Länderspiel bestritt, verstand die Welt nicht mehr: "In unserer Mannschaft steckt so viel Potenzial. Schade. Bei der WM hätten wir sicher eine gute Rolle gespielt", meinte die 33-Jährige – und raffte sich zu einer letzten Ehrenrunde auf.
Deutschland fehlen sieben Minuten und vier Tore
WM-QUALIFIKATION Dramatik pur – die Aufholjagd der deutschen Handballerinnen im Minutentakt
Deutschlands Frauen legten los wie die Feuerwehr. Bis zur 37. Spielminute bauten sie ihren Vorsprung auf zwölf Tore aus.
OLDENBURG - Mit zwölf Toren führten die Deutschen schon beim 31:25 gegen Polen. Sieben Minuten und vier Treffer fehlten letztendlich zur erfolgreichen Aufholjagd.
4. Minute: Deutschland geht erstmals in Führung: 2:1 durch Nadine Krause
11. Minute: 5:3 durch Nora Reiche, Deutschland führt erstmals mit zwei Toren
16. Minute: 9:6 durch Heike Schmidt, Drei-Tore-Vorsprung für Deutschland
20. Minute: 10:6, Nadine Härdter schafft erstmals deutsche Vier-Tore-Führung
22. Minute: Fünf Tore Vorsprung für Deutschland dank Stefanie Melbeck (12:7)
25. Minute: Grit Jurack trifft zum 14:8, sechs Tore Vorsprung für Deutschland
27. Minute: 15:8, Melbeck schafft erstmals einen deutschen Sieben-Tore-Vorsprung, Sekunden später das 16:8 durch Krause
29. Minute: 17:8, Anja Althaus baut den deutschen Vorsprung auf neun Tore aus
30. Minute: Oldenburg im WM-Fieber, Krause trifft fast zum 18:8, die deutsche Mannschaft hat den Zehn-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel (30:40) egalisiert, Pausenpfiff
33. Minute: Jurack schraubt das Ergebnis auf 19:8 für Deutschland
37. Minute: 22:10, erstmals Zwölf-Tore-Vorsprung nach Tor von Reiche
43. Minute: Der Vorsprung hält, Krause trifft zum 25:13
47. Minute: 28:16 durch Krause, Deutschland führt letztmalig mit zwölf Toren
49. Minute: 28:18, die Polinnen holen auf, nur noch zehn Tore für Deutschland
50. Minute: 29:18, Jurack erzwingt Elf-Tore-Führung
51. Minute: 29:19, Polen verkürzt auf zehn Tore, Deutschland noch immer auf WM-Kurs
53. Minute: 30:20, Jurack hält die deutsche Mannschaft im WM-Rennen
53. bis 57. Minute: Deutschland verkrampft, mit drei Treffern in Folge schaffen die Polinnen die nicht mehr für möglich gehaltene Wende: 30:23
57. Minute: 31:23 durch Nina Wörz, es keimt wieder Hoffnung auf
59. bis 60. Minute: die Polinnen legen nach und verkürzen auf 25:31
60. Minute: Abpfiff, Polen im Jubeltaumel, Deutschland im Jammertal
Quelle: Von Otto-Ulrich Bals - http://www.nwz-online.de
Mannschaften:
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Die deutsche Nationalmannschaft:
Hinten von links: Bundestrainer Armin Emrich, Physiotherapeut Artur Brandt, Stefanie Melbeck, Sabrina Neukamp, Anja Althaus, Marion Erfmann, Grit Jurack, Nina Wörz, Nadine Krause, Nora Reiche, Dr. Fabian Ritz, Co-Trainer Wolfgang Reckenthäler.
Vorn: Physiotherapeutin Tanja Traub, Anne Müller, Ulrike Stange, Alexandra Gräfer, Sabine Englert, Clara Woltering, Susanne Henze, Heike Schmidt, Nadine Härdter
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Die polnische Nationalmannschaft:
Hintere Reihe von links: Physiotherapeut Jazek Janur, Dr. Zbigniev Nowosadzki, Monika Marzec, Karolina Kudlacz, Agnieszka Wolska, Sabina Kubisztal, Magdalena Chemicz, Iwona Lacz, Marzena Kot, Dagmara Kowalska, Co.-Trainer Edward Jankowski, Trainer Zygfryd Kuchta
Mittlere Reihe: Hanna Strzalkowska, Iwona Szafulska, Dorota Malczewska, Iwona Niedzwiedz-Cecotka
Untere Reihe: Anita Sikorska, Kinga Polenz, Magdalena Mlot, Agata Wypych
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Die deutsche Mannschaft:
| Vorname |
Name |
Geburtsdatum |
Verein |
Länderspiele |
Tore
|
| Sabine |
Englert |
27.11.1981 |
Bayer Leverkusen |
76 |
2 |
| Alexandra |
Gräfer |
17.08.1978 |
DJK/MJC Trier |
44 |
– |
| Clara |
Woltering |
02.03.1983 |
Bayer Leverkusen |
27 |
– |
| Nadine |
Härdter |
29.03.1981 |
Borussia Dortmund |
68 |
94 |
| Grit |
Jurack |
22.10.1977 |
Viborg HK/DEN |
185 |
947 |
| Anne |
Müller |
05.07.1983 |
Bayer Leverkusen |
4 |
5 |
| Marion |
Erfmann |
31.03.1980 |
VfL Oldenburg |
32 |
57 |
| Nina |
Wörz |
14.11.1980 |
HC Leipzig |
55 |
79 |
| Nora |
Reiche |
16.09.1983 |
HC Leipzig |
6 |
13 |
| Susanne |
Henze |
29.11.1974 |
Buxtehuder SV |
67 |
153 |
| Ulrike |
Stange |
25.04.1984 |
Borussia Dortmund |
4 |
11 |
| Nadine |
Krause |
25.03.1982 |
Bayer Leverkusen |
69 |
184 |
| Sabrina |
Neukamp |
10.05.1982 |
Bayer Leverkusen |
13 |
29 |
| Heike |
Schmidt |
01.09.1971 |
VfL Oldenburg |
166 |
369 |
| Stefanie |
Melbeck |
16.04.1977 |
Buxtehuder SV |
101 |
199 |
| Anja |
Althaus |
03.09.1982 |
DJK/MJC Trier |
61 |
91 |
Die polnische Mannschaft:
| Nachname, Vorname |
Verein |
Position |
| Chemicz, Magdalena |
SPR Lublin |
TW |
| Malczewska, Dorota |
SPR Lublin |
RM, RR |
| Strzalkowska, Hanna |
KS Nata AZS AWFiS Gdansk |
RA |
| Kudlacz, Karolina |
KS Nata AZS AWFiS Gdansk |
LA |
| Wolska, Agnieszka |
KS Nata AZS AWFiS Gdansk |
RR |
| Mlot, Magdalena |
MKS Vitaral Jelfa Jelenia Góra |
RA |
| Wypych, Agata |
MKS Vitaral Jelfa Jelenia Góra |
RR |
| Lacz, Iwona |
GZKS Sosnica Gliwice |
TW |
| Polenz, Kinga |
KS EB Start Elblag |
LA |
| Kubisztal, Sabina |
MKS Zaglebie Lubin |
TW |
| Kot, Marzena |
MKS Zaglebie Lubin |
RM, RL |
| Kowalska, Dagmara |
Bera – Bera RTH (Spanien) |
RL |
Marzec, Monika |
ZRK Buducnost-Monet Podgorica (Serbien/Mont.) |
KR |
| Szafulska, Iwona |
MKS Vitaral Jelfa Jelenia Góra |
RM |
| Niedzwiedz-Cecotka, Iwona |
Piotrocovia Piotrkow Tryb. |
RL, RR |
| Sikorska, Anita |
Zgoda Ruda Slaska |
LA |
|
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