| |  | | | | Nadine Krause setzt sich gegen die Ungarinnen durch. Foto: Silvio Ferrari / www.euro06.com | |
Deutschland begeistert - Ungarn mit 34:27 entzaubert und Tür zum Halbfinale aufgestossen / handball-welt / 12.12.2006
Mit einer begeisternden Mannschaftsleistung hat die deutsche Auswahl heute den favorisierten Ungarinnen nicht nur die erste Turnierniederlage beigebracht, sondern den Europameister von 2000 und WM-Dritten des vergangenen Jahres förmlich demontiert. Im ersten Abschnitt erspielte sich das Team von Armin Emrich bereits eine 19:9-Führung, die im zweiten Abschnitt nicht mehr in Gefahr geriet. Mit Pflichtsiegen gegen Österreich und Mazedonien kann das DHB-Team nun aus eigener Kraft das erträumte Halbfinale erreichen. Nach dem heutigen Weltklasse-Auftritt scheint bei der Europameisterschaft in Schweden die erste Medaille seit WM-Bronze 1997 greifbar.
Damit hatten auch die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. Vor nur 1.000 Zuschauern zeigte die deutsche Frauenauswahl heute gegen Titelanwärter Ungarn eine überragende Leistung und entzauberte den Favoriten. Von der ersten Minuten überzeugte das deutsche Team mit mannschaftlicher Geschlossenheit und einer starken Defensivleistung. Hinter der deutschen Deckung kam heute zum ersten Mal Sabine Englert zum Einsatz, die nach ihrem Daumenbruch erst zur Hauptrunde zur Mannschaft gestoßen war. Zusammen mit der Defensivformation verdiente sich die Leverkusener Torhüterin Bestnoten und wurde von der ersten Minute an zum sicheren Rückhalt. "Das ist ein Überraschungseffekt. Ich verspreche mir davon einen neuen Impuls. Sabine hat international eine gute Reputation bei den Gegnern", begründete Emrich seinen Schachzug vor dem Spielbeginn und freute sich nach Spielende: "Die Rechnung ist voll aufgegangen."
Bereits im ersten Angriff zeigte sich, dass die deutsche Auswahl das von Trainer Armin Emrich geforderte Selbstvertrauen mit in die heutige Begegnung genommen hatte. Steffi Melbeck befördert den Ball nach nicht einmal dreißig Sekunden bereits das erste Mal über die Linie, Krause und Müller erhöhten schnell auf 3:0. Trotz guter Deckungsarbeit der deutschen Auswahl konnte Ungarn bis zum 4:2 noch mithalten, doch im Gegensatz zur Niederlage gegen Norwegen, konnte das DHB-Team heute die Führung gegen den Favoriten verteidigen. Neben der deutschen Deckung überzeugte dabei auch die deutsche Offensive, die die in den Spielen zuvor noch vermisste konsequente Chancenverwertung zeigte. Ungarn Trainer Andras Nemeth hatte bereits in der fünften Minute seine Auszeit genommen, in der Folge musste er hilflos mitansehen, wie seine Mannschaft unter die Räder kam.
Einer der Schlüssel zum Sieg war dabei, dass die deutsche Deckung die ungarische Spielmacherin Anita Görbicz fast komplett aus dem Spiel nehmen konnte. Görbicz, die am Vortag mit Magenproblemen zu kämpfen hatte, kam nur auf drei Tore und zwei Assists, für den Dreh- und Angelpunkt des ungarischen Spiels eine enttäuschende Bilanz. Im zweiten Abschnitt nahm Görbicz dann entnervt auf der Bank Platz. Ohne Görbicz wirkten die Ungarinnen ideenlos, immer wieder lief sich der Favorit in der deutschen Deckung fest oder scheiterte an der starken Englert. Lediglich neun Tore konnten die Ungarinnen so in der ersten Halbzeit erzielen, zum Vergleich: In der Vorrunde erzielten die Ungarinnen in jeder der sechs Halbzeit mehr als fünfzehn Tore.
Das deutsche Offensivspiel sprühte unterdessen vor Ideen, immer wieder kombinierte das DHB-Team die ungarische Deckung auseinander. Vier Tore in Folge sorgten für das 8:2 und beim 12:4 betrug die Distanz bereits acht Tore. Symptomatisch für das Spiel dabei, dass Deutschland den Bal im Angriff zunächst verloren hatte, ihn sich aber wieder zurückeroberte und schließlich den Treffer markierte. Auch Katalin Palinger, die in der Anfangsviertelstunde mit zahlreichen sehenswerten Paraden noch einen deutlicheren Abstand verhindert hatte, musste nun machtlos mit ansehen, wie die deutsche Auswahl ihre Führung nicht nur verteidigte, sondern sogar noch ausbaute. Mit einem ihrer am Ende fünf Treffer war es dabei Steffi Melbeck, die die Distanz mit ihrem Treffer zum 19:9 kurz vor dem Seitenwechsel sogar in den zweistelligen Bereich schob.
Bundestrainer Armin Emrich war dabei seiner Linie treu geblieben und wechselte relativ häufig. Die eingewechselten Spielerinnen wie Maren Baumbach, Anja Althaus oder Nora Reiche fügten sich dabei nahtlos in das Spiel ein. Dieser geschlossenen Mannschaftsleistung hatten die Ungarinnen im ersten Abschnitt nichts entgegenzusetzen, der WM-Dritte des letzten Jahres schien von der deutschen Leistung beeindruckt. Immer wieder hatte das DHB-Team die richtige Antwort parat, gegen eine defensive ungarische Deckung trafen Jurack und Krause aus der Distanz, gegen eine offensivere Variante fand die deutsche Auswahl immer wieder Anspielstationen auf den Außen oder am Kreis.
Im zweiten Abschnitt blieb die deutsche Auswahl ihrer Linie treu. Eine bessere Deckung der Ungarn ließ den Favoriten zwar auf 21:13 verkürzen, doch wie in der ersten Halbzeit hatte Deutschland immer die richtigen Antworten parat. In Überzahl agierte Armin Emrich beispielsweise gleich mit drei Linkshänderinnen, die Fäden im Aufbau zog dabei Grit Jurack, die immer wieder ihr gutes Auge unter Beweis stellte. Als Baumbach nach einer Pirouette den Ball eine Viertelstunde vor Spielende zum 28:17 in die Maschen wuchtete, schien die Begegnunge endgültig entschieden. Emrich forderte aber weiterhin immer wieder lautstark vollen Einsatz in der Deckung und dies nicht ohne Grund, die Ungarinnen gaben sich nicht geschlagen und schienen nur auf eine Schwächephase der deutschen Auswahl zu warten. Mit vier Toren inFolge gelang es dem Favoriten so zehn Minuten vor Spielende zum 28:21 zu verkürzen.
Anja Althaus wühlte sich nun zum 29:21 und sorgte für einen wichtigen Treffer. Ungarn kam nun durch die agile Eszter Siti in der Offensive immer besser ins Spiel, Siti gelang es beim 29:22 sogar auf sieben Tore zu verkürzen. Den Sieg gab die deutsche Auswahl aber nicht mehr aus der hand, beim Stand von 30:23 eroberte Anja Althaus beispielsweise im Zurücklaufen den Ball, bevor sie in Richtung ungarisches Tor starten kann, wird sie allerdings zu Fall gebracht. Doch wie fast in allen Situationen kam auch hier eine Mitspielerin zur Hilfe, Nadine Krause schnappte sich den Ball, verwandelte den Gegenstoß zum 31:23 und ließ wenig später sogar das 32:23 folgen. Emrich nutzte nun die Chance und gab allen Spielerinnen die Möglichkeit an diesem Sieg teilzuhaben, Ungarn konnte dies nutzen um am Ende auf 34:27 zu verkürzen, der deutschen Freude tat dies aber keinen Abbruch. Gemeinsam mit den mitgereisten Fans feierte das DHB den Überraschungscoup überschwenglich.
"Das war das Beste in einem Spiel um Alles oder Nichts. Ich bin so was von stolz auf die Mannschaft. Das waren heute eine Leistung und eine Mannschaft aus einem Guss", sagte Emrich, wollte aber noch nicht an das mögliche Halbfinale denken: "Ich rechne nicht. Wir haben alles selbst in der Hand. Aber ich warne vor Österreich." Seine Spielerinnen freuten sich unterdessen über den Sieg: "Das hat richtig Spaß gemacht. Dieser Sieg zählt auch für den Kopf", meinte Kreisläuferin Anja Althaus.
Stimmen zum Spiel:
Sabine Englert:
Ich denke, wir haben alle super gespielt und haben Ungarn von Anfang an gezeigt, wer der Herr im Hause ist. In den ersten 45 Minuten war ich sehr zufrieden mit meiner Abwehr, am Ende haben wir da etwas nachgelassen.
Nora Reiche: Bei uns lief heute einfach alles zusammen, die ganze Mannschaft war super. So eine Mannschaft zu schlagen ist riesig für das Selbstvertrauen.
Anja Althaus: Ungarn liegt uns einfach.
Anne Müller:
Ich freue mich, dass wir gewonnen haben. Wir sind gut gestartet, es hat richtig Spaß gemacht und ich hoffe, es geht so weiter.
Andras Nemeth: Ich habe keinen Kommentar zu diesem Spiel, jeder hat es gesehen. Unser Ziel ist es nun das Spiel um Platz Fünf zu erreichen.
Ibolya Mehlmann: Ich kann nur hoffen, dass wir in den nächsten Spielen besser sind.
Armin Emrich: Die erste Halbzeit war sehr gut, in der zweiten hatten wir ein paar Nachlässigkeiten. Insgesamt haben wir gegen diesen Gegner verdient gewonnen. Es war das beste Länderspiel unter meiner Regie, in dem es um alles oder nichts ging.
Deutschland – Ungarn 34:27 (19:9)
Deutschland: Englert, Woltering; Härdter (4), Jurack (2), Geschke, Wörz (1), Müller (2), Reiche (4), Loerper (1), Krause (9), Neukamp, Baumbach (4), Melbeck (5), Althaus (2)
Ungarn: Herr, Palinger; Ferling, Verten (1), Mehlmann (5/2), Kirsner (3), Borbas (3), Hornyak (1), Görbicz (3/1), Siti (5), Toth (2), Szamoransky (1), Szucs, Balogh (3/1)
Schiedsrichter: Goulao/Macau (Portugal).
– Zuschauer: 2189.
– Siebenmeter: 2/0:5/4 (Krause scheitert an Palinger, Neukamp an Herr – Englert hält gegen Görbicz).
– Zeitstrafen: 4:8 Minuten (Krause, Reiche – Siti/zwei, Toth, Hornyak).
Spielfilm: 3:0 (3.), 4:1 (4.), 8:2 (9.), 12:4 (15.), 14:5 (22.), 16:9 (28.), 19:9 – 19:10 (31.), 21:10 (33.), 23:15 (41.), 27:16 (44.), 32:25 (55.), 34:25 (58.), 34:27
Quelle: 12.12.2006 - Christian Ciemalla und Sandra Pleines - http://www.handball-welt.de und http://deutscherhandballbund.de
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